Wenn du einen klassischen Arcade-Schrank öffnest – Pac-Man, Street Fighter oder Neo Geo – findest du ein zentrales Bauteil: die Arcade-PCB. Für Sammler, Home-Arcade-Fans und Restaurations-Profis ist das Verständnis von Arcade-PCBs entscheidend, um Spiele wiederzubeleben oder Schränke aufzurüsten. Dieser Leitfaden erklärt, was Arcade-PCBs sind, warum ihr Austausch bzw. ihre Reproduktion gefragt ist und wie du Fehler beim Kauf, bei der Instandsetzung oder beim Eigenbau vermeidest.

Was ist eine Arcade-PCB und warum ist sie wichtig?
Eine Arcade-PCB (Printed Circuit Board) ist die Hauptplatine eines Automaten. Sie führt die Spielsoftware aus, verarbeitet Eingaben, erzeugt Grafik und Ton und steuert die Kommunikation zwischen Bedienelementen, Display und Lautsprechern. Sie ist gewissermaßen das „Gehirn“ jeder Arcade-Maschine.
Die meisten Klassiker von Ende der 1970er bis in die 2000er Jahre basieren auf speziell entwickelten PCBs. Jede Platine ist auf einen bestimmten Titel oder eine Spiel-Familie zugeschnitten. Haupttypen:
- Dedizierte PCBs: für genau ein Spiel (z. B. Donkey Kong, Pac-Man).
- Plattform-PCBs: unterstützen wechselbare Cartridges oder Tochterplatinen (z. B. Neo Geo MVS, Capcom CPS-2).
Der Bedarf an Ersatz- oder Repro-Platinen wächst: Originale altern, werden rar oder fallen aus. Betreiber und Sammler wollen die Geräte am Laufen halten, Heimwerker wünschen sich eine authentische Spielerfahrung zu Hause.
Grundaufbau einer Arcade-PCB
Für Einsteiger ist es hilfreich zu wissen, was auf der Platine sitzt:
- CPU: führt die Spiellogik aus.
- Grafik-/Sound-Chips: spezialisierte ICs für Bild und Ton.
- Speicher: RAM für Spieldaten, ROM/EPROM/Flash für den Code.
- Spannungsregelung: macht die Versorgungsspannungen betriebssicher.
- Kantenstecker: goldene Kontaktfinger (z. B. JAMMA) für den Kabelbaum.
- I/O-Schaltungen: verbinden Tasten, Joysticks, Münzeinwurf usw.
Einige Systeme nutzen „Base-Boards“ mit Steck-Cartridges/Tochterkarten (Neo Geo, CPS-2) – günstig und praktisch für Spielwechsel.
JAMMA: Der universelle Arcade-Anschluss
JAMMA (Japan Amusement Machinery Manufacturers Association) ist der seit 1985 etablierte Standard-Kantenstecker, der das Wechseln von PCBs stark vereinfachte.
Der JAMMA-Stecker mit 56 Pins führt:
- Stromversorgung (+5 V, +12 V, GND)
- RGB-Videosignale
- Audio-Ausgang
- Steuerungen für Spieler 1/2 (Joysticks, bis zu 3–4 Buttons)
- Coin/Service/Start
Sind Schrank und PCB JAMMA-kompatibel, ist der Tausch fast „Plug & Play“. Viele ältere (Pre-JAMMA) oder spezielle Spiele – z. B. Fighter mit 6 Tasten wie Street Fighter II – benötigen jedoch zusätzliche Kick-Harnesses oder besitzen eigene Pinouts. Pinbelegung und Verdrahtung immer vor dem Anschließen prüfen, sonst drohen Schäden.
Supergun-Setups: Für den Heimgebrauch erlauben Supergun-Adapter den Betrieb von JAMMA-Boards an TV/Monitor mit externer Stromversorgung und Controllern.

Arcade-PCBs kaufen: Praxistipps & typische Fallen
Ob original, Repro oder Multi-Game – der Kauf kann tricky sein. Wichtigste Learnings aus der Community:
1) „Getestet & funktionsfähig“ ist keine Garantie
Der Hinweis ist positiv, aber Versand oder schlechte Lagerung können dennoch Defekte verursachen. Fordere klare, datierte Fotos, am besten ein Video im Betrieb, oder eine schriftliche Rückgaberegelung.
2) Original vs. Reproduktion vs. Multi-Game
- Originale: maximale Authentizität bei Gameplay und Sound, aber oft teuer, fragil und schwer zu reparieren.
- Reproduktionen: meist neu, zuverlässiger und teils mit Fixes – die Sammler-Wertigkeit ist umstritten.
- Multi-Game-Boards (z. B. Pandora’s Box, 60-in-1): viele Spiele, aber teils Eingabe-Latenz, nicht perfekte Emulation oder Ton-/Bild-Abweichungen.
3) Plattform-Ökosysteme zählen
Systeme wie Neo Geo MVS sind beliebt, weil mehrere Spiele auf einem Motherboard laufen und die Wartung einfach ist. Capcom CPS-2 hat spezielle Sicherheitsmechanismen und erfordert teils Zusatzschritte (z. B. Batteriewechsel), damit Spiele weiter funktionieren.
Technische Herausforderungen beim Ersatz oder bei Repros
Planst du eine eigene Ersatzplatine oder eine Reproduktion, beachte diese Hürden:
1) Versorgung & Masseführung
Arcade-PCBs benötigen stabile +5 V und +12 V. Alte/ungeeignete Netzteile verursachen Spannungsabfälle oder Ripple – daraus folgen Abstürze oder Bildfehler. Netzteil prüfen und goldene Kontaktfinger reinigen/reparieren.
2) Steckverbinder & Pinouts
JAMMA vereinheitlicht viel, doch viele (Pre-JAMMA oder Spezialboards) nutzen eigene Pinouts. Ein JAMMA-Board in einen nicht-JAMMA-Kabelbaum (oder umgekehrt) ohne Adapter zu stecken kann ICs sofort zerstören. Pinouts doppelt prüfen.
3) Video- & Audio-Kompatibilität
Klassische Monitore laufen mit 15 kHz (CGA) – das verstehen moderne TVs selten direkt. Für LCD/TV braucht man Wandler (CGA-zu-VGA/Scaler). Manche neue Multi-Game-Boards bieten VGA/HDMI, wirken aber oft weniger „arcade-echt“.
Bei Audio besitzen viele Boards integrierte Endstufen und erwarten eine bestimmte Lautsprecherlast. Falscher Anschluss = kein Ton oder gar Defekt.
4) Sicherheit & Firmware
Manche Boards (z. B. CPS-2, Sega Naomi) nutzen verschlüsselte ROMs/Anti-Piracy-ICs. Repro/Ersatz kann den Umgang mit Schutzmechanismen erfordern. Rechtlich gilt: Spiel besitzen bzw. Nutzungserlaubnis haben, bevor man Software kopiert oder ausführt.
5) Fertigungsdaten für Reproduktionen
Für die Herstellung brauchst du:
- Schaltpläne (idealerweise durch Reverse Engineering des Originals)
- BOM (Stückliste) mit Alternativteilen
- Gerber-Dateien (alle Lagen, Bohrungen, Hart-/ENIG-Gold für Kantenstecker)
- Montage- & Testanleitungen
- Bei programmierbaren Bauteilen passenden Code und saubere Doku – selbstverständlich rechtskonform.

Basis-Wartung & Fehlersuche
Arcade-PCBs sind robust, altern aber. Häufige Probleme & schnelle Checks:
- Unterbrechungen/Lötfehler: Risse besonders am Kantenstecker – nachlöten oder Brücken setzen.
- Korrosion: mit Isopropanol und weicher Bürste reinigen.
- Defekte ICs: alte TTLs, RAM und Custom-Chips fallen oft aus. Ersatz teils neu, teils nur von Spenderboards.
- Netzteilprobleme: Spannung vor und nach dem Stecker messen.
- ESD & Feuchte meiden: antistatisch lagern, trocken halten, regelmäßig Sichtprüfung.
Nach jedem Kauf zuerst Grundtests (Strom, Eingaben) durchführen, bevor alles fest eingebaut wird. Sorgfältige Sichtkontrolle und sanfte Reinigung verhindern viele Überraschungen.
Überblick: Beliebte Arcade-Plattformen
Für den Einstieg lohnenswert:
- Neo Geo MVS: Cartridges, Dutzende SNK-Titel, sehr anfängerfreundlich.
- Capcom CPS-2: brillante Grafik, Fighter-Klassiker; benötigt regelmäßige Batterie-Pflege.
- Taito F3, IGS PGM, Sega Naomi: eigene Bibliotheken, modulare Konzepte, unterschiedliche Wartungsaufwände.
Jede Plattform hat Eigenheiten, Verkabelungsanforderungen und eine eigene Community.
Recht & Compliance
- ROM-Software ist urheberrechtlich geschützt. ROMs nur nutzen, wenn du die Original-Hardware besitzt oder eine rechtliche Lizenz hast.
- Keine unautorisierten ROMs verbreiten oder laden. Dieser Leitfaden verlinkt oder ermutigt das nicht.
- Marken & Logos nicht ohne Erlaubnis für den Verkauf nachbilden. Im Zweifel nur privat und nicht-kommerziell verwenden.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen JAMMA und „Kick-Harnesses“?
JAMMA sieht bis zu drei (manchmal vier) Buttons pro Spieler vor. Spiele mit sechs Buttons benötigen ein zusätzliches Kick-Harness für die Extra-Tasten.
Sollte ich „ungeprüfte“ Boards kaufen?
Nur wenn du dich mit Diagnose/Reparatur wohlfühlst. „Ungetestet“ bedeutet oft „defekt“ – manchmal auch nur: keine Gewährleistung.
Original, Repro oder Multi-Game – was kaufen?
Für Authentizität & Wert: Original. Für Zuverlässigkeit & Budget: Repro oder Multi-Game – aber Kompatibilität und mögliche Kompromisse beachten.
Fazit
Arcade-PCBs sind die Seele jeder klassischen Spielmaschine. Ob du ein Original reparierst, eine Ersatzplatine einsetzt oder einen eigenen Schrank bauen willst – wer Kompatibilität, Wartung und rechtliche Grenzen versteht, spart Zeit und Geld. Die Arcade-Community hilft gern – frage nach und teile deine Erfahrungen.
Bereit, Klassiker am Leben zu halten? Mit guter Vorbereitung und Wissen summen deine Cabinets noch viele Jahre!





