Wie bleifreies Löten die Leistung von PCB-Laminaten beeinflusst

PTH thermal stress and CAF growth risks under lead-free soldering
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Auf jeder Leiterplatte (PCB) bildet das kupferkaschierte Laminat (CCL) die Grundlage. Ob ein- oder zweiseitig: Dieses Basismaterial bestimmt mechanische Festigkeit, Maßstabilität und elektrische Zuverlässigkeit der Leiterplatte. Kurz: Die PCB-Performance beginnt beim Laminat.

Heute wirken auf PCB-Laminate zwei starke Trends, die Materialdesign und Qualifikationsprüfungen neu prägen:

  • Höhere Prozesstemperaturen durch bleifreies Löten im Rahmen moderner RoHS-Konformität.
  • Höhere Anforderungen an die Signalintegrität in High-Speed-/Hochfrequenz-Anwendungen wie 10-Gigabit-Ethernet.

Dieser Beitrag erklärt, wie beide Faktoren die Laminatleistung beeinflussen – und worauf es bei Auswahl und Prüfung von Basismaterialien in der modernen Fertigung ankommt.

RoHS-Konformität und bleifreies Löten: Der Hitzetest

Die RoHS-Richtlinie (Restriction of Hazardous Substances) der Europäischen Union untersagt den Einsatz bestimmter Schadstoffe – darunter Blei – in Elektronikprodukten. Die Branche ist daher vom klassischen Zinn-Blei-Löten weitgehend auf bleifreies Löten umgestiegen.

Der ökologische Nutzen ist unbestritten, jedoch steigt die thermische Belastung der PCB-Laminate spürbar.

1) Höhere Löttemperaturen treiben Materialien an ihre Grenzen

Lead-free reflow peaks at 260°C vs tin-lead 220°C
  • Zinn-Blei-Lot schmilzt bei ca. 183 °C, typische Reflow-Spitzen liegen um 220 °C.
  • Beim bleifreien Reflow sind 260 °C üblich – also 30–40 °C mehr.
  • Die meisten Leiterplatten müssen mindestens fünf Reflow-Zyklen verkraften; komplexe Baugruppen oft sechs oder mehr. Jeder zusätzliche Zyklus erhöht die thermische Ermüdung.

Faustregel: Mit jedem +10 °C verdoppelt sich die Degradationsrate des Harzes. Das steigert das Risiko von Delamination oder „Popcorning“ im Reflow.

Um das zu überstehen, benötigen moderne Laminate:

  • Höhere thermische Zersetzungstemperatur (Td)
  • Verbesserte thermische Stabilität
  • Höhere mechanische Integrität unter zyklischer Erwärmung

Folglich werden Prüfmethoden für Laminate vermehrt an reale bleifreie Prozesse angepasst.

2) PCB-Zuverlässigkeit unter bleifreiem Stress

Selbst bei gleichem Material und gleicher Reflow-Anzahl erhöhen die höheren Spitzen­temperaturen des bleifreien Lötens die thermische Ausdehnungsspannung in durchkontaktierten Bohrungen (PTH) deutlich.

Die Folge können Mikrorisse, Zwischenschicht-Ablösungen oder Via-Ausfälle sein. Um die Zuverlässigkeit auf dem Niveau des traditionellen Lötens zu halten, muss sich die Materialleistung weiterentwickeln.

Kritische Eigenschaften für die Zuverlässigkeit:

  • Zwischenschicht-Haftfestigkeit
  • Resistenz gegen CAF-Wachstum (Conductive Anodic Filament)
  • Dielektrische Festigkeit
  • Thermomechanische Stabilität: Peel-Festigkeit, Glasübergangstemperatur (Tg), Wärmeausdehnungskoeffizient (CTE)

Keine dieser Eigenschaften darf bei 260 °C im bleifreien Reflow nachlassen. Kurz: Bessere Materialien sind Pflicht für die Zuverlässigkeit.

PTH thermal stress and CAF growth risks under lead-free soldering

10-Gigabit-Ethernet und der Aufstieg der High-Speed-/HF-Konzepte

Mit dem Schritt von Gigabit zu 10-Gigabit-Datenraten ist High-Speed-Signalisierung Standard. Signalintegrität (SI) wird zum Primärkriterium – und Laminatmaterialien spielen dabei eine Schlüsselrolle.

1) Elektrische Anforderungen: niedriges Dk und niedriges Df

High-Speed-Übertragung hängt stark von dielektrischer Konstante (Dk) und Verlustfaktor (Df) des Laminats ab (Df wird teils als dielektrischer Verlust, Dr, bezeichnet):

  • Niedriges Dk → schnellere Signalausbreitung, leichtere Impedanzkontrolle.
  • Niedriges Df → geringere Leitungsdämpfung, sauberere Eye-Diagrams.

In einem 10-Gb/s-Kanal kann bereits eine kleine Änderung des Verlustwinkels (z. B. Df = 0,005 → 0,003) über die Link-Reserve entscheiden.

Daher nutzen moderne Laminate oft fortschrittliche Harzsysteme – modifizierte Epoxide, Polyimide, PTFE-Mischungen oder Hybridwerkstoffe – um niedriges Dk/Df mit Prozessfähigkeit zu verbinden.

2) Konstruktions- und Fertigungsherausforderungen

Über die Materialwahl hinaus erfordert High-Speed-Design präzise Struktur- und Fertigungskontrolle:

  • Impedanzkontrolle: konstante Leiterbreite, Dielektrikumsdicke, Kupferrauheit
  • Via-Stub-Reduktion (z. B. Backdrilling): weniger Reflexion und Verzerrung
  • Lagenregistrierung: konsistente Geometrie für differenzielle Paare

Das verlangt Laminate mit stabilen dielektrischen Eigenschaften, gleichmäßigen Dicken und hoher Prozesszuverlässigkeit.

Via stub reflection vs backdrilling for a clean 10 Gbps signal path

Vom Datenblatt zur Realitätsprüfung

Hersteller liefern umfangreiche Datenblätter zu Dk, Df, Tg, Td, CTE usw. – ein guter Startpunkt. Doch Praxis-Tests auf realen Leiterplatten bleiben unerlässlich:

Warum?

  • Datenblattwerte entstehen oft unter idealen Laborbedingungen.
  • Die reale Fertigung umfasst Bohren, Galvanik, Lamination und mehrere thermische Zyklen.
  • Mechanische/elektrische Belastungen in der Produktion unterscheiden sich oft deutlich von Testcoupons.

Für echte Zuverlässigkeit sollten Entwickler Lieferantendaten durch In-House-Tests auf realen PCBs ergänzen.

Typische Verifizierungen:

  • Thermoschock und Delaminations-Tests
  • Dielektrik-Messungen bei relevanten Frequenzen
  • PTH-Zuverlässigkeit und CAF-Resistenz
  • Peel-Festigkeit und Tg-Bestätigung

So werden nicht nur Werte bestätigt – man versteht auch, wie Materialverhalten und Prozessbedingungen interagieren. Das ist die Basis konstanter, verlässlicher Fertigung.

Kernaussagen: Das neue Mindset für die Laminatbewertung

Ob hohe Prozesstemperaturen des bleifreien Lötens oder HF-/High-Speed-Anforderungen von 10G-Ethernet – das Laminat ist entscheidend für Zuverlässigkeit und Performance der Leiterplatte.

Ein modernes Bewertungsraster umfasst drei Dimensionen:

  • Fertigungskompatibilität: Hält das Laminat mehrere Reflow-Zyklen bis 260 °C aus?
  • Signalintegrität: Sind Dk und Df über Frequenzen stabil und konsistent?
  • Langzeitzuverlässigkeit: Widersteht das Material Delamination, CAF und thermischer Ermüdung?

Datenblätter lesen reicht nicht mehr – Testergebnisse interpretieren und die zugrundeliegende Physik verstehen ist Pflicht.

Denn jede CCL-Platte ist mehr als Kupfer und Harz – sie ist die Brücke zwischen Design-Absicht und Fertigungsrealität.

FAQ

Was ist ein PCB-Laminat?

Ein PCB-Laminat bzw. kupferkaschiertes Laminat (CCL) ist das Basismaterial der Leiterplatte und liefert mechanische Stabilität sowie elektrische Isolierung.

Wie wirkt sich bleifreies Löten auf Laminate aus?

Bleifreies Löten verlangt höhere Reflow-Spitzen bis 260 °C. Das erfordert Laminate mit besserer thermischer Stabilität und Delaminations-Resistenz.

Was bedeutet RoHS-Konformität?

Materialien sind bleifrei und müssen höhere Löttemperaturen ohne Leistungsabfall überstehen.

Welche Laminateigenschaften sind am wichtigsten?

Hohe Tg, hohe Td, niedriger CTE sowie starke Haftung und CAF-Beständigkeit.

Warum braucht High-Speed besondere Laminate?

Für Signalintegrität werden niedriges Dk und niedriges Df benötigt, um Verluste zu minimieren.

Was ist die Quintessenz?

Wählen Sie CCL-Laminate, die thermische Belastbarkeit für bleifreies Löten mit stabilen elektrischen Eigenschaften für High-Speed-Anwendungen kombinieren – und validieren Sie dies durch praxisnahe Tests.

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